Die Schaukel und der Himmel: Warum wir das Staunen verlernen

Als Kinder kannten wir das Gefühl tiefer Verbundenheit ganz ohne Meditation - über das Aufwachen im Alltagslärm.

Es gibt Erinnerungen, die sich gar nicht wie klassische Erinnerungen anfühlen. Sie gleichen eher einem bleibenden Gefühl, das irgendwo tief in uns zurückgelassen wurde. Wenn ich heute an meine eigene Kindheit zurückdenke, dann sehe ich nicht zuerst ein bestimmtes großes Ereignis oder ein spektakuläres Fest. Ich sehe eine Schaukel. Und ich sehe Himmel. Sehr viel Himmel - mit und ohne Wolken. Und Wolken in allen Variationen.

Ich habe als Kind stundenlang geschaukelt. Wirklich stundenlang. So lange, bis meine Mutter vermutlich dachte, ich würde irgendwann überhaupt nicht mehr freiwillig auf die Erde zurückkehren. Mit jedem Schwung bewegte ich mich immer höher, dem Horizont entgegen. Und während ich da oben schwebte, sang ich. Manchmal laut, manchmal leise. Mal erfand ich ganz eigene Melodien, mal wiederholte ich stundenlang dieselben Zeilen. Ich weiß heute nicht mehr, welche Lieder es genau waren. Aber ich erinnere mich noch ganz präzise daran, wie es sich angefühlt hat: frei, unbeschwert und absolut grenzenlos.

Damals hatte ich auf dieser Schaukel das tiefe Gefühl, mit allem um mich herum bedingungslos verbunden zu sein. Mit dem frischen Wind, den vorbeiziehenden Wolken, den alten Bäumen, den Vögeln und dem endlosen Himmel. Ich war Teil von etwas, das so viel größer war als ich selbst. Natürlich hätte ich das als Kind mit meinen damaligen Worten nie so philosophisch formuliert. Ich hätte vermutlich einfach gesagt: Es fühlt sich schön an. Aber heute, viele Jahre später, glaube ich, dass genau das der eigentliche Kern war. Dieses vollkommen Selbstverständliche. Dieses reine Einssein mit dem Leben.

Irgendwann hören wir alle auf zu schaukeln. Und das nicht nur im wörtlichen Sinn. Wir hören schrittweise auf, vermeintliche Zeit zu verschwenden. Wir hören auf, einfach in den Himmel zu schauen und Wolken zu beobachten. Wir verlernen es, einfach nur da zu sein. Das Leben wird von Jahr zu Jahr voller, der Kalender ebenfalls. Verantwortung kommt hinzu, Verpflichtungen und endlose Termine. Und ganz langsam, fast unbemerkt, verlernen wir eine Eigenschaft, die uns einmal völlig natürlich war: die reine Präsenz im Moment.

Manchmal frage ich mich, ob wir als Erwachsene auf unserer ständigen Suche im Leben nach etwas streben, das wir als Kinder längst besessen und dann vergessen haben. Wir suchen meist nicht nach noch mehr Erfolg, nicht nach zusätzlicher Anerkennung und auch nicht nach Perfektion. Wir suchen nach diesem einen, vertrauten Gefühl von Verbundenheit. Nach diesem stillen Wissen: Ich bin ein wertvoller Teil von etwas Größerem. Damals brauchte ich dafür keine geführte Meditation, keine klugen Ratgeber, keine starren Konzepte und keine rationalen Erklärungen. Eine einfache Schaukel im Garten genügte völlig.

Vielleicht berühren mich gute Geschichten und literarische Parabeln deshalb bis heute so sehr. Weil sie uns für einen kurzen Moment genau dorthin zurückbringen können. Zu diesem kindlichen Staunen, zu dieser radikalen Offenheit und zu der Frage: Was wäre, wenn die Welt eigentlich viel größer ist, als ich heute denke? Als Kind war diese Frage eine Selbstverständlichkeit. Heute müssen wir uns als Erwachsene aktiv und manchmal mühsam wieder daran erinnern.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte für einen kurzen Augenblick zu diesem kleinen Mädchen auf der Schaukel zurückgehen. Nicht, um irgendetwas an ihrer Zukunft zu verändern, sondern nur, um ihr eine Weile still zuzusehen: wie sie singt, wie sie unbeschwert lacht und wie sie immer höher und höher hinaus schaukelt. Ich würde gerne beobachten, wie sie keinen einzigen Moment daran zweifelt, dass alles auf dieser Welt miteinander verbunden ist. Vielleicht würde sie mir in meiner heutigen Erwachsenenwelt etwas Wichtiges sagen. Vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich würde sie einfach wortlos weiter schaukeln. ,-)

Und sie würde mir genau damit das zeigen, was ich im Alltagslärm so oft vergesse: Dass echte Verbundenheit nicht erst mühsam im Außen gefunden werden muss. Sie ist längst da. Tief vergraben unter all den schweren Gedanken, unter dem täglichen Lärm und unter all den Plänen für die Zukunft. Sie wartet dort ganz still. Wie ein vertrautes, fast vergessenes Lied aus Kindertagen.

Wann hast du dich das letzte Mal vollkommen verbunden gefühlt – mit dir selbst, mit der Natur oder mit dem Fluss des Lebens?

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